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Fleischverzicht als Weg und aus der Nahrungsmittelkrise und zu mehr Klimaschutz? (13.06.2008)

Hamburg - Und die Lösung heißt: Vegetarier werden? Egal, ob Klimawandel oder nun die Rekordpreise für Getreide - stets taucht der Fleischverzicht als Möglichkeit auf, aus der verzwickten Situation herauszukommen.


Kuh Quelle: pixelioBesonders Rindfleisch gerät ins Visier von Kritikern. Zum einen stoßen die wiederkäuenden Rinder sehr viel Methan aus und damit eines der stärksten Treibhausgase. Zum anderen sind die Tiere auch besonders verschwenderisch, wenn es um den Verbrauch von Pflanzen geht, die der Mensch ja oft auch direkt essen könnte.

Tiere fressen - in Kilogramm - viel mehr Futter, als ihre Schlachtung Fleisch ergibt. Experten schätzen, dass bis zu 40 bis 50 Prozent der weltweiten Getreideernte an Tiere verfüttert werden. Laut Welternährungsorganisation FAO hat sich die jährliche Fleischproduktion auf der Welt von jährlich etwa 136 Millionen Tonnen Anfang der 80er Jahre auf 260 Millionen Tonnen im Jahr 2004 fast verdoppelt.

Der Vegetarierbund (VEBU) Deutschland ist sich deshalb sicher: «Die wahren Ursachen der Rekordpreise für Nahrungsmittel werden vollkommen ausgeblendet.» Die zunehmende Produktion von Biosprit spiele zwar eine gewisse Rolle, eigentliches Problem sei aber der Fleischkonsum. «Die aufstrebenden Nationen wie China haben gerade erst damit begonnen, immer mehr Fleisch zu essen», sagt Mahi Klosterhalfen vom VEBU in Hannover. Deshalb sei klar, dass die Preise für Getreide immer weiter explodieren. «Wer sich vegetarisch ernährt, leistet einen kleinen Beitrag gegen die sich anbahnenden Hungerkatastrophen.»

Doch es ist kein Geheimnis, dass sich am Vegetarismus auch ideologisch die Geister scheiden. So gilt er manchem als gefährliche Mangelernährung, deren Anhänger ausgemergelt und bleich wirken, für andere ist er hingegen die einzig wahre Lebensweise, die fit und gesund hält. Nach Angaben des VEBU und in Bezug auf die USA sind etwa 17 Kilogramm Getreide nötig, um ein Kilogramm Rindfleisch zu produzieren.

Rechnungen dieser Art sind aber umstritten. Unter Berufung auf das in Darmstadt ansässige Kuratorium für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft gibt es vom Bundesagrarministerium andere Zahlen zum sogenannten Fleischzuwachs je Kilogramm Futter. Demnach sind für ein Kilogramm Fleisch eines Masthähnchens 1,7 Kilogramm Futter nötig, bei Mastputen ist das Verhältnis 1:2,7 und bei Mastschweinen 1:3. «Für Wiederkäuer wie zum Beispiel Mastrinder oder Schafe, für die Getreide nur eine Ergänzung ihrer Futterration darstellt, macht eine vergleichbare Darstellung keinen Sinn. Hauptfutterquelle ist hier meist Grünland.»

Etwas mehr Klarheit bringen die Aussagen des Professors Wolfgang Nentwig, der in Bern Synökologie lehrt und vor ein paar Jahren das Lehrbuch «Humanökologie» (Springer, 2005) schrieb. «Zur Produktion von Fleisch wird in den USA vor allem Mais großflächig angebaut, in Europa sind es Gerste, andere Getreidearten und Kartoffeln, neuerdings vermehrt auch Mais. Daneben werden immer mehr Futtermittel wie zum Beispiel Soja aus der Dritten Welt importiert, wo ihr Anbau und Export zwar Devisen bringt, diese Landfläche aber der eigenen Nahrungsmittelproduktion fehlt.»

Der weitaus größte Teil der globalen Sojaproduktion wird zu Futtermitteln verarbeitet. Was die sogenannte «Umwandlung von pflanzlicher in tierische Substanz» angeht, so hält Nentwig Zahlen von mehr als acht Kilogramm Pflanzen pro Fleischkilogramm für «völlig übertrieben». Entscheidend sei immer, wie viel vermarktungsfähiges Fleisch herauskomme und in welcher Weise das Tier gehalten wurde. Wenn sich ein Tier frei bewegen könne, verbrauche es mehr Kalorien - sicherlich besser für das Gewissen des Verbrauchers, aber auch schlechter für sein Portemonnaie.

Wenn ein Tier stark eingeengt sei, brauche es hingegen weniger Nahrung. Deshalb seien bei den Verhältnis-Zahlen große Streuungen denkbar. In den vergangenen Jahrzehnten haben europäische Tierzüchter laut Nentwig große Steigerungen bei der Effizienz erzielt, mit der Tiere ihre Nahrung aufnehmen und sie in Fleisch, Fett, Milch oder Eier umsetzen. Alles in allem sagt Nentwig, sei die Umstellung auf Vegetarismus keine Lösung für die Nahrungsmittelkrise.

«Zur Lösung des Nahrungsproblems muss man vor allem in den betroffenen Ländern ansetzen und beispielsweise die Produktivität vor Ort steigern und die Kaufkraft heben.» Zudem sei es sinnvoll, europäische Export- Lebensmittel nicht mehr zu subventionieren. Und auch aus anderem Grund ist der Fleischverzicht nicht immer die optimale Lösung, zumindest wenn man aufs Reisessen umstellen würde.

Denn zum Methan-Anstieg in der Atmosphäre und somit zum Klimawandel trägt auch der Nassreisanbau bei. Experten vom Max-Planck-Institut für terrestrische Mikrobiologie in Marburg sagen, die Rinderzucht mache derzeit etwa 20 Prozent des weltweiten Methan-Ausstoßes aus, der Reisanbau immerhin zehn Prozent.


Von Gregor Tholl, dpa


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