Bremen - Mit routinierten Handgriffen öffnen zwei Matrosen die Bordwand. Im Meer vor ihnen taucht ein großer Stahlrahmen auf, an dem 22 Wasserschöpfer im Kreis aufgereiht sind. Die Konstruktion war gerade drei Kilometer tief im atlantischen Ozean. Als eine Winde sie zurück auf das Schiff hebt, dreht sie sich um sich selbst und schwankt im Takt der Wellen.
An Bord stehen sechs Wissenschaftler in den Startlöchern, um Wasserproben zu nehmen. Die Rosette, so heißt die Konstruktion, trägt Wasserschöpfer und Messgeräte, die dem Team an Bord des französischen Schiffes «Thalassa» Aufschluss über die Klimarolle des Nordatlantiks geben sollen. Wissenschaftler der Universitäten Bremen, Kiel und Vigo in Spanien sind im August und September drei Wochen zur See gefahren, um Messungen fortzusetzen, die nicht zuletzt das europäische Klima betreffen.
Tausende Kilometer fern von der Heimat schlagen sich die 18 Forscher Tage und Nächte um die Ohren. Es ist kalt. Zwischen Sonnenaufgang und Mittagessen ist irgendwann die grönländische Küste am Horizont aufgetaucht. Die Route der «Thalassa» hat in St. John's, am östlichen Ende Kanadas, begonnen, führt nach Grönland, hoch in die Labradorsee und am Ende nach Brest in Frankreich. Interessant ist für die Forscher vor allem das Gebiet zwischen Grönland und Kanada, die Labradorsee. Dorthin strömt das Atlantikwasser aus den Tropen, kühlt ab und sinkt, um als Tiefenstrom zurück nach Süden zu fließen.
Dieser Prozess ist Teil des sogenannten globalen Förderbands, wie die Ozeanografin Kerstin Jochumsen von der Universität Bremen erklärt. Diese Ozeanströmung umfasst auch den Golfstrom, der Wärme nach Europa bringt. Durch das globale Förderband hängt er mit der Tiefenwasserbildung in der Labradorsee zusammen. «Angenommen, wir schalten das globale Förderband ab, dann würden diese Ausläufer des Golfstroms, die uns in Europa erreichen, nicht mehr so weit nach Norden vordringen», erklärt Jochumsen. Würde man andere Effekte vernachlässigen, bedeutete das: In Europa wird es kalt.
Doch das Klima entwickelt sich nicht aus einem, sondern aus unzähligen Effekten. Genauso gibt es erwärmende Prozesse. Immerhin spricht alle Welt vom Treibhauseffekt: Weil der Mensch mehr Kohlenstoffdioxid (CO2) freisetzt, als die Natur das alleine tun würde, wird es wärmer auf der Erde. In Europa könnten sich Treibhauseffekt und Abkühlung gegenseitig aufheben; global gesehen bleibt die Erwärmung durch CO2 ein Problem.
Die Forscher aus Spanien und die Gruppe vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften der Universität Kiel untersuchen die Fähigkeit des Atlantiks, CO2 aus der Atmosphäre aufzunehmen und so dem Menschen eine Weile fernzuhalten. Die Stunden vor dem Computerbildschirm, das Vorbereiten der Rosette und die Überwachung ihres Ab- und Wiederauftauchens, das Zapfen der Wasserproben und das Überwachen der Maschinen: Der Ablauf ist immer wieder der gleiche, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Fahrtleiterin Dagmar Kieke von der Universität Bremen erfasst mit ihrem Team Profile für verschiedene Parameter.
«Profile bedeutet, ich messe von der Oberfläche bis zum Boden kontinuierlich Temperatur, Salzgehalt, Druck, Sauerstoff und Geschwindigkeit an verschiedenen Stellen des Ozeans», sagt Kieke. Daraus können die Bremer berechnen, wie sich das Wasser in der Labradorsee ausbreitet und vergleichen, ob sich das in den vergangenen Jahren verändert hat. Mit dem Einlaufen in den Hafen von Brest ist der Erkenntnisprozess aber längst nicht abgeschlossen. Ob es warm oder kalt wird, können drei Wochen Seefahrt nicht klären.
Im gesamtwissenschaftlichen Kontext ist die Reise nur ein kleines Teil im riesigen Klimapuzzle. Mit den gewonnenen Daten werden bestehende Klimamodelle überprüft und verbessert. In diesem Jahr widersetzen sich die Daten dem jahrelangen Trend, dass immer weniger Tiefenwasser gebildet wird. «Dieses Jahr hatten wir sehr starke Konvektionsereignisse, das bedeutet, dass im Winter sehr viel frisches Tiefenwasser gebildet wurde. Das sieht momentan nach so einem Knick im Trend oder einem kleinen Umbruch aus», sagt Kieke. Ob das allerdings eine Trendwende oder doch Zufall ist, müssen weitere Messungen über Jahre zeigen.
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