Misa Rumi/Buenos Aires - Mit kreisenden Bewegungen spült der Argentinier Julián Martinez vorsichtig den schwarzen feinkörnigen Sand weg.
Dann blitzen die ersten Goldkörnchen in seiner angeschlagenen Emailleschüssel auf. «Zwei Gramm etwa», schätzt der junge Mann und blinzelt in die Abendsonne. Der Deutsche Christoph Müller schaut Julián bei der mühsamen Arbeit über die Schulter. Auch er ist eine Art Goldsucher, aber er gräbt sich nicht durch das Geröll des tiefeingeschnittenen Flussbettes, sondern sein Blick geht zum Himmel. Hier im Nordwesten Argentiniens in der bis zu 4200 Meter hohen, nur dünn besiedelten Hochebene der Puna scheint die Sonne kräftiger als fast überall sonst auf der Welt.
Angesichts immer teurerer und knapperer Energie auch dies pures Gold, sozusagen. Diesen «Schatz» zu heben, das karge Leben der Hochlandbewohner etwas zu erleichtern und zugleich die Umwelt zu erhalten, daran arbeitet der gebürtige Münsteraner seit mittlerweile neun Jahren. Müller entwickelt und installiert Solaranlagen für die abgelegenen Dörfer der Puna mit Unterstützung des deutschen Partners Solar Global gemeinsam mit der argentinischen Umweltorganisation Ecoandina.
Auch der deutsche Staat hilft im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit. Und immer mehr Nachfahren der Inkas, was übersetzt Söhne der Sonne bedeutet, kochen, heizen und duschen mit Sonnenenergie. Sobald die Nacht hereinbricht, wird es bitterkalt in Misa Rumi. Das kleine Dorf auf 3700 Metern Höhe mit 32 Familien liegt rund 1800 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Buenos Aires. Bis zur bolivianischen Grenze sind es nur noch ein paar Kilometer. Die erdfarbenen Häuser ducken sich in eine Senke, die etwas Schutz vor den bitterkalten Winden bietet. Der Unterschied zwischen Tages- und Nachttemperaturen ist in dieser Höhe immens.
Im Winter der Südhalbkugel genügt tagsüber ein Hemd, denn es kann wegen der intensiven Sonneneinstrahlung bis zu 25 Grad warm werden. Nachts hingegen sinken die Temperaturen auf bis zu 20 Grad minus. Dann dringt die Kälte in die Häuser aus Lehmziegeln ein, und selbst in einem dicken Daunenschlafsack und unter einer Schicht sperriger Wolldecken macht sich ein leichtes Frösteln bemerkbar. «Beim Heizen mit Sonnenenergie müssen wir die Wärme aus dem Tag in die Nacht transportieren. Dafür braucht man einen Speicher», erklärt Müller.
Dieses Problem hat der Tüftler mit Hilfe eines Steinspeichers gelöst, der tagsüber mit sonnenerwärmter Luft aufgeheizt wird und die Energie nachts abgibt. In Misa Rumi steht auch seit 1997 eine Art ökologisches Musterhaus, das «EcoHuasi» der Umweltorganisation Ecoandina. Dort wird ähnlich wie in einigen Schulen schon mit Sonnenenergie nach Müllers Konstruktion geheizt. «Wir können inzwischen mit Hilfe einfacher Techniken, die vor Ort nachgebaut werden können, bis zu 80 Prozent des Energiebedarfs der Menschen hier decken», sagt Müller.
Heizen, Kochen und Warmwasser, für alles liefert die Sonne kostenlose und saubere Energie. Besonders das Kochen und Brotbacken war bisher ein mühseliges Unterfangen. Kilometerweit mussten die Menschen, meistens die Frauen und Kinder, Tola-Büsche heranschleppen. Bis zu 50 Kilogramm der sperrigen Äste wuchten sich die Menschen auf den Rücken. Etwas anderes als die bis zu eineinhalb Meter hohen Sträucher wächst in der extrem regenarmen Hochebene kaum. Und ein längeres, wärmendes Feuer lässt sich aus den nur fingerdicken Ästen kaum unterhalten.
Gegen das Verfeuern der Tola-Büsche spricht aber auch, dass neben der Überweidung durch die allgegenwärtigen Lamas und die selteneren Ziegen und Schafe die Abholzung der spärlichen Vegetation zur Ausbreitung der Wüsten beiträgt. «Der Einsatz der Solarenergie soll und kann auch diesen Prozess stoppen», sagt Barbara Holzer, die mit ihrem Mann Heiner Kleine-Hering schon seit den 1980er Jahren in der Puna arbeitet und zu den Gründungsmitgliedern von Ecoandina gehört. Wie sehr die Solarenergie schon Bestandteil des Lebens der Hochlandbewohner geworden ist, lässt sich am besten am frühen Morgen beobachten.
Während aus dem Lautsprecher einer kleinen protestantischen Freikirche Popmusik mit religiösen Inhalten in die Stille plärrt, blitzt es zwischen den kleinen Häusern auf. Es sind Parabolkocher von 1,40 Metern Durchmesser, in deren Brennpunkt die Morgensonne den Teekessel schnell zum Summen bringt. In der dünnen Höhenluft kocht Wasser zudem schon bei 87 Grad. «Spaghetti muss man deshalb im Dampfdrucktopf kochen, sonst wird es Pampe», rät Müller dem Besucher aus dem Tiefland. Für die Frauen des Dorfes sind die Solarkocher auf den gelben Metallgestellen nicht mehr wegzudenken. «Das ist eine unglaubliche Erleichterung», sagt Julians Frau Magarita.
Sie hat mehr Zeit für ihre drei kleinen Kinder und immer etwas Warmes zu essen. Die ersten Kocher, die auf eine Heizleistung von etwa 800 Watt kommen, hat Holzer aus Deutschland nach Argentinien gebracht. Heute werden sie in einer von Müller verbesserten Version von Armando Alvarez in der Werkstatt der Kooperative Pirca in der Stadt Tilcara in Jujuy gebaut. «Nur das Spiegelblech kommt aus Deutschland, denn nur das hat die richtige Qualität», sagt Alvarez. Etwa 800 Pesos (190 Euro) kosten die Kocher, von denen die ältesten seit mehr als zehn Jahren ohne jede Wartung ihren Dienst tun. In der Werkstatt von Alvarez werden aber auch die sogenannten Scheffler-Spiegel gebaut.
Die Idee für die wesentlich größeren, ovalen Spiegel, deren Brennpunkt weit vor dem Gestell liegt, stammt von dem deutschen Solarpionier Wolfgang Scheffler. Müller hat die Technik an die Bedingungen der Puna angepasst, und nun werden damit Backöfen und Gemeinschaftsküchen betrieben. In Misa Rumi steht eines der kleinen Backhäuser, in denen die Menschen Brot backen, statt in den alten Lehmöfen kiloweise das knappe Tola-Gestrüpp zu verbrennen. Genial einfach aber ist die Solarheizung, die Müller zunächst für Schulen entwickelt hat.
Dabei wird tagsüber von der Sonne in Kollektoren auf dem Dach erwärmte Luft durch einen Speicher aus Feldsteinen unter den Fußboden des Klassenraumes geleitet. Die Steine erwärmen sich soweit, dass sie auch am nächsten Morgen zum Schulbeginn noch als eine Art Fußbodenheizung die Raumtemperatur von früher nur fünf Grad auf bis zu 15 Grad anheben. Die Kollektoren bestehen aus Zinkblechkästen, die mit normalem Fensterglas abgedeckt sind. Ein mit Sonnenstrom betriebener Ventilator lässt die Luft zirkulieren.
Ganz ohne Speicher kommt die Variante aus, bei der die warme Luft tagsüber während des Unterrichts direkt in die Klassenzimmer geleitet wird. «Wenn die Häuser besser isoliert wären, dann würde es sogar gemütlich warm», meint der bescheiden auftretende Müller, der schon mit 16 zu Hause bei seinen Eltern mit Solarenergie experimentierte. Später sammelte er Erfahrungen mit Solarenergie in Afrika. Seit längerem tüftelt Müller auch schon an einem Solarpanel für die Erwärmung von Wasser. Die bereits installierten Anlagen - zum Beispiel in öffentlichen Duschhäusern der Puna - funktionieren zwar, bedürfen aber einer regelmäßigen Wartung, an der es bisweilen hapert.
Bei dem scharfen nächtlichen Frost mussten die Anlagen immer aus zwei Kreisläufen bestehen: einer im Panel selbst, dessen Wasser mit Frostschutzmittel versetzt ist. Und dann ein gut isolierter Tank mit einem Wärmetauscher. Wenn das Frostschutzmittel nicht nachgefüllt wurde, gefror das Wasser, und die Schweißnähte platzten, oder der Heizkreislauf war zumindest unterbrochen. Außerdem sind diese Anlagen zu teuer für die armen Hochlandbewohner. «Jetzt aber haben wir einen Art Volks-Kollektor entwickelt, der billig, wartungsfrei und haltbar ist», erzählt Müller stolz. In der Werkstatt von Alvarez steht einer der Prototypen, die aus einem einzigen Wasserkreislauf bestehen und weder Umwälzpumpe noch Frostschutzmittel benötigen.
«Das Wasser im Kollektor läuft durch dehnbare Schläuche, denen Frost nichts anhaben kann. Und auch der Tank ist aus einem hochwertigen Plastik, das sich ausdehnen kann», beschreibt er die Anlage. Auf etwa 1400 Peso (400 Euro) schätzt er den Verkaufspreis, wenn der Kollektor in größerer Stückzahl gebaut würde. Die Anlage lässt sich auf jedem Dach installieren, braucht keinen Strom und nur einen Wasseranschluss. «Das wäre auch was für andere Regionen mit viel Sonne», wirbt er für die einfache und preiswerte Anlage. Müller hat noch viele andere Ideen. Zusammen mit Ecoandina will er die durch Solarkocher vermiedenen Kohlendioxid-Emissionen in Geld für die Hochlandbewohner umwandeln.
Dafür hat er ein kleines Gerät entwickelt, das die an jedem Parabolspiegel aufgefangene Sonnenenergie misst. Etwa zwei Tonnen Kohlendioxid werden pro Jahr durch jeden Solarkocher eingespart. «Dann könnten diese Kohlendioxid- Zertifikate im Rahmen eines freiwilligen Handels von Unternehmen zum Beispiel in Deutschland aufgekauft werden, die ihren Kunden «klimaneutrale» Leistungen anbieten wollen. «Die Menschen hier könnten dann ihre Kocher durch die Nutzung der Sonnenenergie bezahlen. Das wäre natürlich ein zusätzlicher Anreiz», meint Müller. Langfristig die zunehmende Energieknappheit ohnehin der Sonnenenergie zum Durchbruch verhelfen, ist Müller überzeugt.
«Hier in der Puna werden sicher große Sonnenkraftwerke entstehen, so wie heute schon zum Beispiel in Spanien.» Verglichen mit dem Rest Argentiniens ist die abgelegene und unterentwickelte Puna schon heute energiepolitisch die fortschrittlichste Region des Landes. Das haben inzwischen sogar die argentinischen Behörden bemerkt. Müllers Solarheizungen sollen in 50 Schulen der Puna installiert werden. Anfragen nach der Solartechnik kommen inzwischen aber auch aus Bolivien, Chile und sogar aus dem fernen Afghanistan.
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