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Tango-Metropole Buenos Aires beim Klimaschutz völlig aus dem Takt (31.08.2008)

Buenos Aires  - Die Tango-Metropole Buenos Aires gilt als eine der schönsten Städte Südamerikas und lockt jährlich hunderttausende Touristen aus aller Welt an. Aber beim Umweltschutz leisten sich die wechselnden Stadtregierungen einen Fehltritt nach dem anderen.


Und die Umweltprobleme sind so immens wie der StadtMoloch mit 13 Millionen Einwohnern am Rio de la Plata. Während sich weltweit angesichts des menschengemachten Klimawandels langsam ein Umweltbewusstsein bildet, ist davon in Argentinien kaum etwas zu spuren. Das fängt schon bei Kleinigkeiten an.

Wer zum Beispiel an der Kasse im Supermarkt darauf beharrt, den Einkauf in eine mitgebrachte Stofftüte statt in Berge kostenloser Plastiktüten zu verstauen, wird leicht für komplett meschugge gehalten. Auch der Verkehr hat es in sich. Hinterm Steuer treten besonders die Männer gerne kräftig aufs Gaspedal, um das beliebte Rennen um den besten Startplatz an der nächsten roten Ampel zu gewinnen.

Auch fauchende Klimaanlagen bei geöffneten Fenstern oder glühende Heizungen in zugigen Häusern und dünnen Wänden bringen einen Argentinier nicht aus der Ruhe. Fehlanzeige auch bei Maßnahmen wie etwa einer besseren Wärmedämmung zur Einsparung von Energie zum Heizen im Winter oder für Klimaanlagen im schwül-heißen Sommer. Und trotz des meist strahlend blauen Himmels sind Solaranlagen für die Strom- und Wärmeerzeugung ein Fremdwort. Energie wird vom Staat durch Subventionen so billig gemacht, dass sich solche Anlagen ohnehin nicht rechnen würden.

Am offensichtlichsten aber sind die Umweltprobleme bei der völlig rückständigen Art der Hausmüllabfuhr. Nach Schätzungen der Umweltorganisation Greenpeace produzieren die Einwohner der Riesenstadt täglich fast 5000 Tonnen Müll. Da es keine Mülltonnen gibt, für die in den engen Häusern auch gar kein Platz vorgesehen ist, wird der unsortierte Müll einfach in die Einkaufstüten aus dem Supermarkt gestopft und jeden Abend vor die Haustür auf den Gehweg geworfen. Dort versucht dann ein Heer armer Vorstadtbewohner, die sogenannten Cartoneros, noch verwertbare Reststoffe aus dem stinkenden Müll zu ergattern. Dabei reißen sie die Tüten meist auf und hinterher liegen Apfelsinenschalen, Saftkartons, Hühnerknochen und benutzte Hygieneartikel lose auf den Gehwegen herum. Die Müllabfuhr aber nimmt nur heile Tüten mit, der Rest tritt sich fest.

Was die etwa 8000 Cartoneros, die es vor allem auf Papier und Plastik abgesehen haben, nicht vor der Müllpresse gerettet haben, landet auf schwelenden Mülldeponien im Umland. Die aber sind so gut wie voll. Der Müllnotstand droht. Angesichts solcher Zustände mutet ein NullMüllGesetz aus dem Jahre 2005 fast wie ein Scherz an. Es sieht vor, dass der Deponiemüll nur durch Recycling und ohne Müllverbrennung nach und nach reduziert werden muss. Im Jahr 2020 soll es dann überhaupt keinen Müll mehr geben. Erste zaghafte Schritte zur Umsetzung wie zum Beispiel die Aufstellung einiger Müllcontainer an den Straßenecken endeten mit einem völligen Fehlschlag. Die inzwischen neu gewählte konservative Stadtregierung hat den Rückwärtsgang eingelegt und setzt auf Müllverbrennung.

Juan Carlos Villalonga von Greenpeace ist empört: «Man muss es den Menschen einfach nur richtig erklären», kommentiert er die Tatsache, dass die Bürger auch die für verwertbare Reststoffe vorgesehenen Container mit jeder Art Müll vollstopften sogar mit Bauschutt. Dem widerspricht Graciela Gerola von der städtischen Umweltagentur. «Das NullMüllGesetz ist doch lächerlich», entrüstet sie sich. So ein Vorhaben gebe es sonst nirgends in der Welt. Nur wiederverwertbaren Müll produzieren zu wollen, sei einfach illusorisch. Das fehlende Umweltbewusstsein der Bewohner sei jedoch ein echtes Problem.

Seit der Wirtschaftskrise 2001 habe es jedoch nur noch sehr wenig Geld für Umweltschutz gegeben, räumt Gerola ein. Doch mit der seit 2003 wieder boomenden Wirtschaft wachsen auch die Umweltprobleme im Rekordtempo. Die Umweltagentur soll nun bis zum Jahresende ein UmweltKonzept vorlegen. So arbeite die Agentur an einem Gesetzentwurf, um Mindeststandards bei der Wärmeisolierung zumindest von Neubauten vorzuschreiben. «So wie in Deutschland», sagt Gerola. Zudem solle bald ein Projekt mit dem Bildungsministerium beginnen, um Umwelterziehung an allen Schulen zum Pflichtfach zu machen.

Busspuren soll es geben, auf denen irgendwann sogar vielleicht sogenannten ÖkoBusse mit Gasantrieb verkehren konnten, sagt Gerola. Unterdessen müllt die Riesenstadt jedoch weiter sich selbst und das Umland zu. Und von den Abwässern redet nicht einmal die Umweltagentur. Die fließen wie eh und je völlig ungeklärt in den Fluss Rio de la Plata. Eine Kläranlage exisitert ganz einfach nicht. Und geplant ist sie auch nicht.


Quelle: Naomi Conrad, dpa


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